NICHTS VERSTANDEN

Aus der Perspektive der wohlhabenden Länder ist die Welt in den letzten Jahrzehnten immer kleiner geworden. Wir haben uns daran gewöhnt, über Nacht komfortabel in andere Kontinente zu reisen. Wir kennen die entlegensten Winkel Europas, besichtigen die Karibik vom Deck eines Kreuzfahrtschiffs aus und suchen in den Ferien Erholung in Asien, beispielsweise an den traumhaften Stränden der Malediven oder in Thailands Urlaubszentren. Was für unsere Urgroßeltern die gelegentliche Reise in die nächste Großstadt war, ist für uns ein schneller Trip auf die Seychellen, in den Süden Afrikas oder in die USA. Die Sehnsucht nach der Fremde ist längst kein diffuser Traum mehr, sondern ein erschwingliches Vergnügen. 

Und trotzdem gibt es Menschen, für die eine Reise von einem Kontinent auf einen anderen auch heute noch eine monatelange Strapaze darstellt. Die ein Vierteljahr oder länger unterwegs sind, um von Kabul oder Mogadischu oder Damaskus oder Lhasa nach Europa zu kommen. Zu Fuß. Versteckt auf der Ladefläche und sogar im Motorraum von Lastwagen. Über das Meer als blinde Passagiere auf einer Fähre oder in überfüllten Booten. Während Billigairlines das Kontinentalhopping über Tausende Kilometer zu mitunter aberwitzig günstigen Preisen anbieten, gibt es auf der Flucht keine Discountpreise: Oft legen Familien zusammen, um wenigstens einem Angehörigen, dem vermeintlich Zähesten des Clans, das teure Entkommen in ein Land zu ermöglichen, in dem hoffentlich ein besseres Leben wartet. Das es vielleicht sogar erlaubt, die Daheimgebliebenen zu unterstützen. Es ist eine regelrechte Industrie, die sich der Flüchtlinge angenommen hat – gut organisiert, gut vernetzt, interkontinental und weitgehend emotionslos arbeitend. Denn die menschliche Fracht, die da zu Tausenden auf Reisen geschickt wird, ist für diese Branche nichts anderes als eine gesichtslose Ware. Im besten Fall kommt die Sendung gut an. Wenn nicht, stört das den Betrieb auch nicht weiter, schließlich wurde der Aufwand schon im Voraus bezahlt. Verluste werden nirgendwo gebucht, und sie beeinträchtigen die Nachfrage nicht im Geringsten. Denn Gründe zu fliehen gibt es viele. Viel zu viele. Und es scheint, als würden es jeden Tag mehr.

Als 2015 die Anzahl der Flüchtenden, die zu uns kamen und kommen, dramatische Ausmaße angenommen hat, äußerten viele Deutsche bzw. Europäer Erstaunen darüber, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte. In den Statements von Politikern, im Tenor vieler Medienberichte oder, um das Stereotyp zu bemühen, am Stammtisch klang das, als wäre der Flüchtlingsstrom ein menschlicher Tsunami, der uns ohne Vorwarnung überrollt, ohne dass es Chancen gegeben hätte, sich darauf vorzubereiten. Nichts ist falscher als das: Das Drama war seit vielen Jahren absehbar. Nur: Das Gros der Bevölkerung wollte es nicht sehen, wollte nicht mit diesem Thema belästigt werden. Insofern spiegelt sich im gegenwärtigen Aktionismus, in der notwendigen Improvisation und nicht zuletzt in den Ängsten der Einheimischen das totale Versagen der Eliten wieder die es versäumt haben, ohne den Blick auf den nächsten Wahltag hinaus Verantwortung zu übernehmen und unser Land oder die angebliche Wertegemeinschaft EU auf das, was kommen könnte, vorzubereiten. Nichts wurde erklärt, es wurden keine Notfallpläne ausgearbeitet, niemand kam auf die Idee, dass in Deutschland vielleicht einmal viele Spezialisten gebraucht werden könnten, die sich mit der Traumabehandlung auskennen. Weil wir mit vielen Menschen konfrontiert sein würden, die  Unerzählbares erlebt haben und denen zu helfen wichtig ist. Egal, ob man es als humanitäre Pflicht versteht oder unter dem Aspekt der Nützlichkeit für die Gesellschaft bewertet. Die Liste ließe sich mühelos zu einem Buch erweitern. Besonders widerwärtig ist das Verhalten vieler Mitglieder der nobelpreisdekorierten EU, die sich schlichtweg weigern, das Geschehen auf den Flüchtlingsrouten zur Kennnis zu nehmen, ihre zumindest teilweise Verantwortung dafür zu akzeptieren oder in irgendeiner Form zu einer Lösung beizutragen. Dieses Versagen korrespondiert mit dem politischen Versagen, nach den von westlichen Ländern angezettelten Kriegen in Afghanistan und im mittleren Osten in den betroffenen Regionen eine tragfähige Zivilgesellschaft aufzubauen, die für die dort lebenden Menschen positive Perspektiven entwickelt. Nur zur Erinnerung: Die Taliban sind keine afghanische Erfindung. Bei der Entstehung dieser fundamentalistischen Gruppierung leistete der Westen Geburtshilfe, und danach wurden die Taliban jahrelang gepäppelt, weil sie in einer ebenso ignoranten wie kurzsichtigen politischen Strategie gerade von Nutzen schienen. 

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Menschenwürde. Flüchtlinge sind für die Schleuser und Menschenhändler eine Ware und für die Behörden Nummern, die es mehr oder weniger effizient zu verwalten gilt. In erster Linie die vielen freiwilligen und bis an ihre Grenzen belasteten Helfer sorgen dafür, dass den Menschen hier Empathie entgegengebracht wird. Denn selbst Migranten, die endlich in Deutschland angekommen sind, aber keine Chance haben, ein Aufenthalts- oder Bleiberecht zu erhalten, weil sie aus Ländern stammen, in denen es keinen Krieg, sonder nur das ganz normale Elend und die ganz normale Perspektivlosigkeit gibt, haben ein fundamentales Recht darauf, dass ihre Menschenwürde respektiert wird. Darüber zu diskutieren oder zumindest aufzuklären, inwieweit unsere Wohlstandgesellschaft am ökonomischen oder politischen Elend anderswo verantwortlich ist, ist noch einmal ein ganz anderes Thema. Der auf meiner Home-Page zitierte Satz von Dorothea Lange, (eine Fotografin, die selbst aus einer Einwandererfamilie stammt) ist ja auch keine akademische Stilübung. Lange hat in den 30-er Jahren das Elend auf den amerikanischen Farmen fotografiert, als die Menschenwürde in vielen Landstrichen keinen Cent mehr wert war. Die Depression folgte übrigens auf einen Börsencrash, vielleicht sollte man sich gelegentlich daran erinnern.

 Haben wir jetzt, nach einigen Hunderttausend Flüchtlingen, die nolens volens zu fundamentalen Verschiebungen der politischen Landschafts Deutschlands beigetragen haben, begriffen? Im Oktober 2015 war ich im Libanon, einem Nahostland mit einem äußert fragilen gesellschaftlichen Gefüge. Das Land hat auch ohne Bürgerkrieg vor der Haustüre genügend Probleme, seine Stabilität zu wahren, was seit dem Ende des dortigen Bürgerkriegs leidlich gut gelingt. Der Krieg in Syrien hat zwischen einer und zwei Millionen Syrer über die Grenze getrieben. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Aber man geht davon aus, dass in dem kleinen Land momentan so viele Flüchtlinge leben, dass deren Zahl ungefähr 1/3 der Einwohnerzahl des Libanon beträgt. Engagieren „wir“ uns dort (oder im Nachbarland Jordanien, das ähnlich überlastet ist) nach Kräften? Ist zu erkennen, dass wir ahnen, dass dort noch ein gigantisches Reservoir an potentiellen Flüchtlingen gestrandet ist, die sich auf den Weg nach Westen machen werden, wenn ihre Lage nur verzweifelt genug ist? Offenbar nicht. Das UNHCR musste dort im Herbst 2015 die monatlichen Zuschüsse für Lebensmittel von 32 auf 14 $ pro Kopf kürzen, wegen Geldmangel. Und die vielen NGOs, die sich direkt (und oft nach der vielzitierten Devise „Hilfe zur Selbsthilfe“) um die Flüchtlinge kümmern, müssen sich ebenfalls jeden Tag nach der Decke strecken, um wenigstens das Nötigste besorgen zu können. Anders ausgedrückt: Um wenigstens einen Rest an Würde in den Flüchtlingscamps sicherzustellen.

Es scheint, dass wir immer noch nicht verstanden haben.

Stranded in Patra – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Stranded in Patra – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
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Ain el Hilweh Palestinian Refugee Camp – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
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Kilis Grenze Türkei-Syrien – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Integration gelungen? – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
	 Seelenverkäufer, Lampedusa– aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Refugee Camps in Lebanon – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Kilis Grenze Türkei-Syrien – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
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Das Massengrab vor Lampedusa– aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Nachts in Lampedusa – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
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Seelenverkäufer, Lampedusa– aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
	 Seelenverkäufer, Lampedusa– aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
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Nachts in Lampedusa – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Kilis Grenze Türkei-Syrien – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
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Stranded in Patra – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
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Höhere Mächte in Lampedusa – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Refugee Camps in Lebanon – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
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Refugee Camps in Lebanon – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
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Stranded in Patra – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Refugee Camps in Lebanon – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
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Eine lange Reise – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Refugee Camps in Lebanon – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
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Grenzen – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Erste Hilfe Polizist trägt Flüchtlingskind – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Auf dem Weg ins gelobte Land – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
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Neue Heimat – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Flaschenkind – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Grenzen – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang
Handgepäck – aus: Reportagen über Flucht, Vertreibung, Migration, Neuanfang